Angepasst, aber nicht genesen: Ukrainische Frauen im Krieg – eine Langzeitstudie zeigt Widersprüche.
Anpassung an den Krieg – aber keine Erholung
Nach Angaben von Espreso.tv: Eine über drei Jahre angelegte Befragung von Gradus Research und der Organisation „Nachmorgen“ (Pislyazavtra) kommt zu einem ambivalenten Ergebnis: Ukrainische Frauen haben Strategien entwickelt, um mit den Kriegsbedingungen zu leben, doch eine vollständige psychische Wiederherstellung ist ausgeblieben. Die Langzeitstudie erfasst damit die Entwicklung der weiblichen Arbeits- und Lebensrealität über mehrere Kriegsjahre hinweg. So stieg die Bereitschaft, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, von 50 Prozent im Jahr 2024 auf 55 Prozent im Jahr 2026 – ein Zeichen für den starken Willen, trotz widriger Umstände beruflich aktiv zu bleiben.
Die Erhebung lief von 2023 bis 2026 in ukrainischen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern. An der letzten Welle nahmen 2000 Personen teil. 39 Prozent der Befragten gaben an, Stabilität höher zu bewerten als Karriereentwicklung – ein deutlicher Hinweis auf eine Wertverschiebung: Unter Kriegsbedingungen werden Sicherheit und Verlässlichkeit zu obersten Prioritäten.
Berufliche Chancen und mangelndes Vertrauen
Zudem ergab die Studie: 34 Prozent der Frauen bekamen neue Karrierechancen, obwohl ihnen die nötige Erfahrung fehlte; 28 Prozent profitierten von Empfehlungen; weitere 28 Prozent erreichten ihre Ziele ausschließlich durch Eigeninitiative. Doch das Vertrauen in Unterstützungsstrukturen ist gering: 62 Prozent der Frauen, die am Arbeitsplatz unangemessen behandelt wurden, meldeten dies nicht der Führungsebene.
Ein Lichtblick kommt vom ukrainischen Gesundheitsministerium: Seit dem 29. Januar bieten landesweit über 860 Einrichtungen der Primärversorgung kostenlose psychologische und psychiatrische Hilfe an. Dieses Angebot könnte für Frauen, die sich an die neuen Lebens- und Arbeitsumstände anpassen müssen, eine entscheidende Stütze sein. Die Ergebnisse zeigen: Anpassung bedeutet nicht automatisch Genesung – hier klafft eine Lücke.
Die Studie macht deutlich: Trotz aller Härten des Krieges sind ukrainische Frauen bereit, sich zu verändern und ihre berufliche Entwicklung voranzutreiben – ein Zeichen von Resilienz.
Gleichzeitig zeigt die wachsende Wertschätzung von Stabilität, wie sehr der Krieg die Prioritäten verschiebt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Frauen am Arbeitsplatz besser zu schützen und ihre Rechte zu stärken. Die kostenlosen psychischen Gesundheitsdienste können dabei eine Schlüsselrolle spielen, indem sie die benötigte Unterstützung für die Anpassung an die veränderte Lebensrealität bieten.
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