Das rätselhafte Fenster in Plattenbauten: Drei Gründe für die Öffnung zwischen Küche und Bad.
Ein Relikt aus der Sowjetzeit: Das Fenster zwischen Küche und Bad
Nach Angaben von Novyny.live: In vielen "Chruschtschowkas" und Altbauten aus der Stalin-Ära findet sich ein architektonisches Kuriosum: ein Fenster zwischen Küche und Badezimmer. Dies war keine Laune der Planer, sondern eine pragmatische Antwort auf die Herausforderungen der damaligen Zeit. Mitte des 20. Jahrhunderts war Tuberkulose weit verbreitet. Der Erreger, das Mycobacterium tuberculosis, gedeiht in dunklen, feuchten Ecken, wird aber durch Sonnenlicht abgetötet. Das zusätzliche Fenster sorgte für mehr Tageslicht und half so, die Ausbreitung der gefährlichen Infektion einzudämmen.
Ein weiterer Grund lag in der maroden Infrastruktur. Stromausfälle waren an der Tagesordnung, und das Fenster gewährleistete auch bei ausgefallenem Licht eine Grundhelligkeit. Zudem waren in vielen Wohnungen gasbetriebene Durchlauferhitzer installiert. Bei einem Gasaustritt diente die Öffnung als natürliches Entlüftungsventil, um Explosionen zu verhindern – eine einfache, aber lebenswichtige Sicherheitsvorkehrung.
Wärmedämmung und Energieeffizienz
Die bis zu 50 cm dicken Ziegelwände der Chruschtschowkas boten eine vergleichsweise gute Wärmedämmung. Im Gegensatz zu Beton oder Platten speichern Ziegel oder Monolithbauweise die Wärme länger. Wie der Experte Wolodymyr Solowko betont,
„durch Fenster können bis zu 30-40% der Wärme verloren gehen, während eine Fassadendämmung die thermische Trägheit des Hauses deutlich erhöht.“
Das innenliegende Fenster trug somit auch dazu bei, die wertvolle Wärme innerhalb der Wohnung zu halten und die Energieeffizienz zu verbessern – ein wichtiger Aspekt für den Wohnkomfort in den oft schlecht isolierten Gebäuden.
Zusammenfassend hatte das Fenster zwischen Küche und Bad also keineswegs nur dekorativen Charakter. Seine Funktionen im Kampf gegen Seuchen, bei der Kompensation schwacher Stromnetze und für die Gassicherheit machten es zu einem essenziellen Bauteil des damaligen Wohnungsbaus. Es ist ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Architektur auf konkrete gesundheitliche, technische und soziale Nöte einer Epoche reagierte.
Heute wirkt dieses Bauelement oft befremdlich, doch es spiegelt die sozialökonomischen Bedingungen seiner Entstehungszeit wider. Als Lösung für Probleme wie Epidemien und knappe Ressourcen steht es symbolisch für die Anpassungsfähigkeit der Architektur. Auch wenn es heute meist zugemauert ist, bleibt seine historische Bedeutung für die Wohnungsbaugeschichte und die öffentliche Gesundheit unbestritten.
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